Geistiges Wachstum – warum Babys Weinen

 

 

 

Bestseller-Autor Frans X. Plooij erklärt, was in unzufriedenen kleinen Kindern vor sich geht und was Eltern machen können

Alle Eltern sind gelegentlich verzweifelt, weil ihr Baby untröstbar ist, viel weint oder dauerquengelt. Der niederländische Psychologe Frans X. Plooij, Co-Autor des Bestsellers „Oje, ich wachse“, erklärt im Interview mit unserer Zeitung, wieso alle Babys in regelmäßigen Abständen solche Phasen haben, und wie Eltern damit umgehen können.

Herr Plooij, warum können gesunde, zufriedene Babys plötzlich quengelig werden und viel weinen?

Frans X. PLOOIJ: Unsere Forschungen haben gezeigt, dass alle Eltern von Zeit zu Zeit mit einem Baby konfrontiert sind, das sehr unzufrieden wirkt und viel weint. Wir fanden sogar heraus, dass alle normalen, gesunden Babys manchmal fordernder, weinerlicher sind als sonst. In diesen Phase sind sie in der Lage, eine ganze Familie zur Verzweiflung zu bringen.

Und warum verhalten sich Babys so?

PLOOIJ: Was viele Eltern nicht wissen: In diesen schwierigen Phasen machen die Babys einen gewaltigen Entwicklungssprung – einen geistigen Wachstumsschub – durch, der sie verwirrt. Jeder Sprung bringt dem Baby eine neue Fähigkeit, die Welt wahrzunehmen. Aber die neue Fähigkeit hat nicht nur schöne Seiten. Sie stellt die vertraute Erlebniswelt des Babys auf den Kopf. Sein Leben ist nicht mehr so wie es einmal war.

Können Sie ein Beispiel nennen?

PLOOIJ: Mit etwa acht Wochen erlebt das Baby sich selbst und seine Umgebung nicht mehr als eine Einheit, als eine „Suppe“. Es beginnt, feste Muster in dieser Suppe zu unterscheiden. Ein Beispiel: Es entdeckt seine Hände. Es schaut sie erstaunt an, dreht und wendet sie. Und nun, da es weiß, dass es sie hat, kann es sie auch einsetzen. Viele Reflexe, die das Baby bei seiner Geburt hatte, legt es in dieser Zeit ab. Sie werden durch bewusste Bewegungen ersetzt.

Wie kündigt sich ein Entwicklungssprung an?

PLOOIJ: Jedem Sprung geht eine besonders anhängliche und aufgeregte Phase voraus. Sie zeichnet sich aus durch häufiges Weinen. Das Kind will außerdem dauernd beschäftigt werden, es isst schlechter, fremdelt stärker, schläft schlechter und hat ein großes Saugbedürfnis.

Kommen diese Phasen wirklich bei allen Babys in der gleichen Woche?

PLOOIJ: In der Tat werden die schwierigen Phasen bei allen Babys im selben Alter beobachtet – plus/minus ein bis zwei Wochen. Es gibt zehn Entwicklungssprünge innerhalb der ersten 20 Monate. Anfangs sind die schwierigen Phasen kurz, manchmal nur einige Tage lang, und sie folgen schnell aufeinander – etwa alle drei bis vier Wochen. Später, wenn die Entwicklungssprünge komplexer werden, dauern sie auch länger. Die anhängliche Phase kann dann bis zu sechs Wochen dauern. Natürlich sind alle Babys unterschiedlich. Für manche Kinder sind die Sprünge schwieriger zu verkraften als für andere. Aber alle Babys sind in dieser Zeit unausgeglichener als sonst.

Wie können Eltern sich und ihrem Kind in dieser Zeit helfen?

PLOOIJ: Zunächst sollten Eltern ihr Baby durch Zuwendung und viel körperliche Nähe beruhigen. Sie sollten dabei nicht vergessen, dass es sich nur um eine Phase handelt. Das schwierige Verhalten des Kindes ist Teil einer gesunden Entwicklung, die es langsam aber sicher zur Unabhängigkeit führt.

Ist nach 20 Monaten die schubhafte Entwicklung beendet?

PLOOIJ: Nein. EEG-Aufnahmen bei Kindern ergaben, dass sich die Hirnstromkurven beim Übergang zwischen bekannten Phasen der mentalen Entwicklung plötzlich deutlich veränderten. Diese Veränderung konnte auch bei Kindern zwischen eineinhalb und 16 Jahren nachgewiesen werden. Auch der Beginn der Pubertät stellt einen Entwicklungssprung dar. Und es gibt Anzeichen dafür, dass sogar Erwachsene mit Sprüngen zu kämpfen haben.

Von Madeleine Bierlein

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