Pfingsten 2019

Pfingsten ist das Fest der Menschen, die mit „Geist“ eine besondere Beziehung haben.

Zu den Eigenschaften von ‚Geist‘ gehört, dass er oder sie oder es sehr viele Bedeutungen haben kann. Geist kann brausend sein und in Feuerzungen erscheinen. Geist ist flüchtig, ein Hauch, sicherlich vielgeschlechtlich oder androgyn, der Geist in der Flasche, die Geister, die man ruft, der Zeitgeist, der Geist eines Menschen, Geist als der Atem Gottes, Geist als Synonym für Seele.

Heute wird vielfach das Wort Geist durch das Wort ‚Energie‘ ersetzt. Spiritualität, wörtlich Geistigkeit, wird zu einer Technik, zu Quantenarbeit und möglichst quantifizierbar. Das ist wirtschaftlich normal, allerdings geht meines Erachtens allzuleicht etwas sehr wichtiges verloren: Die Inspiration, die Empfänglichkeit für Geist.

Deshalb empfehle ich zu Pfingsten mehr noch als zu den anderen Festereignissen, gute geistige Getränke in Verbindung mit einem Pfingstspaziergang im satten Grün mit tiefem Einatmen eines Hauches von Göttlichem.

Mit herzlichen Grüßen,

Gerhard Tiemeyer

Der folgende Text ist für diejenigen, die sich auf eine gesundheitspraktische Deutung der Bibel-Pfingstgeschichte einlassen möchten.

Der Geist Gottes kommt in den Erzählungen des neuen Testaments genau am Beginn und am Ende ‚herab‘.

Am Anfang ist der Geist der- oder dasjenige, was Maria schwanger werden lässt. Ich möchte anregen, die poetische Form der Familiengeschichte zu übergehen und dann sind diese Zeilen nichts anderes als der Bericht einer sehr kraftvollen, folgenreichen Inspiration: Etwas ergreift uns, durchflutet, mal sanft, mal rauschend, mal durch Ahnungen angekündigt, mal sehr überraschend –und hinterlässt einen Samen.

Schwangerschaft durch ‚Geist‘ ist ein anderes Wort für innerlich ‚befruchtet‘, begeistert zu sein. Die weitere Bibelgeschichte kann man aus dieser Sicht wie die Geschichte der Verwirklichung einer Idee lesen, wie die dramatische Geschichte des Konfliktes zwischen alten Gewohnheiten, Normalitäten, und dem Neuen.

Am Ende der Bibelgeschichte ist die Verkörperung des Göttlichen, die frohe Botschaft der neuen Menschlichkeit, gekreuzigt. Dass hieße in meiner vielleicht etwas banalisierenden Sicht, etwas Göttliches ist in der Normalität an der Normalität gestorben. Inspirationen, neue Ideen haben fast immer dieses Schicksal. Aber es hat sich gelohnt! Denn aus dem Lebensweg und aus dem Leiden an der Verwirklichung wird etwas Dauerhaftes, die frohe Botschaft derjenigen, die eine neue Erfahrung gemacht haben. Das ist die Geschichte der ersten neuen ‚Gemeinde‘.

„Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.“

Kurzum, Geist, in meiner einfachen Sicht Inspiration, nimmt einen anderen Weg des Irdisch Werdens als den der körperlichen Befruchtung im Schoßraum, es beseelt jetzt den kommunikativen Sprachraum.

Aus einer individuellen Erfahrung ist eine kollektive Erfahrung geworden. Aus der Einsamkeit der Maria, der Einsamkeit der ganz persönlichen Erfahrung mit Göttlichem, wird eine gemeinsame, durch Sprache geteilte Erfahrung.

Für mich geschieht so ein Pfingsterleben, wenn in der Praxis plötzlich ein Moment wirklichen Verstehens entsteht. Oft plötzlich geschieht etwas Wesentliches, etwas Neues erscheint und ist allen spürbar. Allerdings geschieht in der Praxis wohl auch oft das, was in der Bibel über die Menschen erzählt wird, die dieses ‚Wunder‘ erlebten: „Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.“

Ist es nicht oft so, dass in unserer Arbeit wunderbare schöne neue Erfahrungen geschehen – die dann Verwirrung und Ängste davor, verrückt zu werden bewirken?

Nebenbei muss ich weswegen der Gesundheit, die mit Genießen beginnt, darauf hinweisen, dass Wein in der Bibel eine besondere Rolle spielt. Im ersten Wunder, im Abendmahl und jetzt hier als Unterstellung, die Redner*innen hätten zu viel dieses geistigen Getränkes genossen.

In der Erzählung der Bibel ist die Situation dramatisch und Petrus hält jetzt seine erste Rede. Sie besteht darin, eine Gesamtgeschichte zu konstruieren, die das Erlebte einordnet und verstehbar machen soll. Wie damals üblich zitiert er alte Schriften und erklärt das Geschehen als ‚normal‘, denn es ist – heute würde man sagen wissenschaftlich – belegt.

In der heutigen Praxis ist das Konstruieren einer Gesamtgeschichte, wissenschaftlich ‚Narrativ‘ genannt, immer dann wichtig, wenn Menschen neue Erfahrungen machen, wenn sich ihr Erleben sehr stark ändert und die Gewohnheitspsyche zu recht Angst vor Veränderung signalisiert. Erleben und sprachliches Verstehen müssen wie in einem Wechselschritt zusammengehen, um ein Stolpern zu verhindern.

Petrus macht dann noch etwas, was dann sehr bald zum Standard wird. Er organisiert ein Großgruppenereignis, eine Massentaufe und begründet damit eine Tradition der männlichen Führungsgestalten, das heißt eine Gurukultur.

Dieser Aspekt aus der Pfingstgeschichte mahnt mich an, immer wieder gut aufzupassen, in diese Spur nicht zu geraten und andere Möglichkeiten der Erzählungen und Erklärungen zu finden. Geschichten, die mehr erzählen von der individuellen Göttlichkeit, die mehr erzählen von der immer wiederkehrenden Empfängnis und der Möglicheit der Menschlichkeit ohne Führungsmächte.

Frohe Pfingsten

Gerhard Tiemeyer

DGAM Vorstand